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Der Futurismus war eine aus Italien stammende avantgardistische Kunstbewegung, die aufgrund des breitgefächerten Spektrums den Anspruch erhob, eine neue Kultur zu begründen. Der Einfluß des Futurismus geht wesentlich auf seinen Gründer  Filippo Tommaso Marinetti zurück und dessen erstes futuristisches Manifest von 1909. Die Bewegung endete augenscheinlich mit dem Tod Marinettis. (weiterer Text hier...)

  

Filippo Tommaso Marinetti (* 22.12.1876 in Alexandria; † 2.12.1944 in Bellagio)

Der Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti in Uniform, wohl 1915. Marinetti, der seit seinem "Futuristischen Manifest" von 1909 den Krieg verherrlichte, trat für den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg ein und meldete sich nach der Kriegserklärung an Österreich-Ungarn freiwillig.

Marinetti wurde als Sohn eines erfolgreichen italienischen Rechtsanwaltes in Alexandria geboren. Seine Jugendjahre verbrachte er in Ägypten, wo er – wie damals viele Kinder wohlhabender Italiener – französisch erzogen wurde. Nach seiner Relegierung aus der örtlichen Jesuitenschule wegen religionskritischer Aktivitäten beendete er sein Gymnasialstudium in Paris. Nach seinem Abitur studierte er Rechtswissenschaften in Pavia und Genua. Vom überraschenden Tod seines Bruders aus der vorgezeichneten Rechtsanwaltslaufbahn geworfen, entschloß er sich seinen Neigungen folgend als Schriftsteller zu arbeiten. Als Wohnsitz wählte er Paris und veröffentlichte in französischer Sprache. Sein erstes Buch „La Conquête des Étoiles“ erschien 1902. Es folgten „Destruction“ (1904), „La ville charnelle“ (1908) und das Theaterstück „Le Roi Bombance“. Diese frühen Arbeiten spiegeln vorwiegend den Kulturpessimismus sowie die Leere und Verlogenheit des großbürgerlichen Lebens des Fin de siècle wider. (weiterer Text hier...)

 

Das futuristische Manifest

Am 20. Februar 1909 publizierte Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro sein erstes „futuristisches Manifest“ und begründete damit die futuristische Bewegung:

Titelseite der Ausgabe des "Figaro" vom 20. Februar 1909 mit der erstmaligen Veröffentlichung des "Futuristischen Manifests"

1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen.
4. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigke it. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
7. Schönheit gibt es n ur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.

9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besi
ngen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.... 

(der komplette Text in seiner originalen Fassung auf Fransösisch)

 

Wirkungen des Futurismus

Malerei

Der Futurismus präsentierte sich besonders in der Malerei. Zur Avantgarde des Futurismus in der Malerei gehörten Umberto Boccioni, Gino Severini, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Giacomo Balla. Ihr »Manifest der futuristischen Malerei« und das »Technische Manifest der futuristischen Malerei« gaben sie mit zusammen mit Marinetti 1910 in Turin heraus. Es wendet sich als »Schrei der Auflehnung« gegen den »fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit« an die jungen Künstler des Landes.
In ihren Werken versuchen sie Bewegung und Energie durch das sich ständige Durchdringen, Ergänzen und ineinanderschieben von Formen und Farben darzustellen. Bewegung wurde in Einzelphasen aufgelöst und auf der Fläche komponiert. Die Stofflichkeit der Körper sollte durch solche simultane Darstellung von Licht- und Bewegungsimpulsen aufgelöst und zerstört werden. Es sollte eine »universelle Kraft« als dynamisches Gefühl sichtbar werden. Boccioni, der Kopf der Gruppe, hatte 1911 gefordert, dass futuristische Künstler nicht die Natur, sondern die Vibrationen und die Geschwindigkeit der Formen, nicht den Gegenstand sondern den Rhythmus des in Bewegung befindlichen Gegenstandes malen sollten.
In Russland wurde 1912 aus der Verbindung des Futurismus und der russischen Volkskunst entstandene Richtung als »Kubo-Futurismus« bekannt, die auch kubistische Elemente enthielt. Hauptvertreter waren hier Kasimir Malewitsch und El Lissitzky, die dann daraus den Suprematismus entwickelten. 1915/16 fand in St. Petersburg die »Letzte futuristische Ausstellung, ‹0,10›« statt.

Natalia Sergejewna Gontscharowa (1881-1962): Der Radfahrer (entstanden 1913)
Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg
 

Musik

Im Mittelpunkt der revolutionär neuen Ästhetik des Futurismus stand, die Verherrlichung der modernen Industrie- Maschinenwelt und der radikale Bruch mit der Tradition. 1910 schloss sich der Musiker Fr. Balilla Pratella der Gruppe der Futuristen an und gewann den Baruzzi-Wettbewerb mit seiner Oper «La Sina` d Vargöun».
Am 11. März 1911 folgte das «Manifesto tecnico della Musica futurista». Es erhob die Forderung nach Enharmonik, d. h. nach kleinsten Unterteilungen des Ganztons wie schon Busoni in seinem «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» vorgeschlagen hatte. Das «Manifesto tecnico» schloss mit der bekannten Forderung, in einer zukünftigen Musik solle die «anima musicale» der Massen, der grossen Industriebetriebe, der Züge, der Ozeandampfer, der Panzer, der Automobile und der Flugzeuge wiedergegeben und der sinfonischen Dichtung hinzugefügt werden. Die Einführung des «ritmo libero» soll als entscheidende Errungenschaft des Futurismus gelten. An die Stelle der «quadratur» träten jetzt die aus freier Intuition gestaltenen «relazioni ritmiche istintive e simpatiche». Daraus folgte die Notwendigkeit, die alten Tempobezeichnungen durch neue Termini zu ersetzten, die dem jeweiligen «stato d`animo» des schaffenden Künstlers entsprächen.
1912 beendete Pratella eine Orchesterkomposition, die Marinetti im Klavierauszug unter dem Titel «Musica futurista» veröffentlichte. Das dreiteilige Werk folgt in seinem Aufbau den drei Phasen des Menschenlebens: «fanciullezza», «giovinezza», «virilità». Das Prinzip der «quadratura simmetrica» glaubt der Komponist hier endgültig Überwunden zu haben. Gleichzeitig reklamierte er für die Harmonik eine Erweiterung, der tonalen Basis in Richtung auf Polytonalität und Polymodalität.


 

Im Jahre 1913 hatte auch Russolo in die Musikalische Bewegung des Futurismus eingegriffen. Das Erlebnis der römischen UA von Pratellas Musica futurista inspirierte ihn zur Konzeption einer «Geräuschkunst». Angeregt durch die Geräusche der Industrie- und Maschinenwelt, der modernen Großstadt und insbesonders des modernen Krieges, forderte er die futuristischen Musiker dazu auf, die «begrenzte Vielfalt» der traditionellen Orchesterfarben durch die «unbegrenzte Vielfalt» der Geräuschfarben zu ersetzen. Ausgehend von der Überzeugung, daß jedes Geräusch einen «tono predominante» habe, entwarf Russolo mit Hilfe des Malers Ugo Piatti den Plan zur Konstruktion von Instrumenten, die Halbtonoder Vierteltonskalen von Geräuschen darstellen konnten. Am 2. Juni 1913, führte er den ersten dieser Gräuschtöner («intunaromori») im Teatro Storchi in Modena öffentlich vor. Das Instrument mit dem Namen «scoppiatore» erzeugte ein dem damaligen Explosionsmotor ähnliches Geräusch auf einer zwei Oktaven umfassenden Skala. Die Aufführung im Mailänder Teatro dal Verme, ging jedoch im Tumult der Zuhörerproteste unter.
Grösseren Erfolg hatte ein Zyklus von zwölf Konzerten im Londoner Colyseum-Theater ( Juni 1914), wo Russolo auch Stravinskij kennenlernte, der sich bald darauf zusammen mit Djagilev und Prokofjev in Mailand die Intonarumori vorführen ließ (Febr. 1915). Eine geplante Tournée durch viele Städte Europas wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert, der zugleich das Ende der futuristischen Bewegung als einer monolithischen Gruppe bedeutete.
Erst nach Kriegsende hatte Russolo Gelegenheit, dem Publikum des Pariser Theatre des Champs Elysees ein wesentlich erweitertes Ensemble von 27 Intonarumori vorzuführen. An drei aufsehenerregenden Abenden im Juni 1921 bot sich den Konzertbesucher eine Mischung aus Gräuschtönern und einer kleinen Gruppe traditioneller Orchesterinstrumente, u.a. Serenata, Corale und ein Trio für Klavier, Violine und Geräuschtöner. Unter den Zuhörern waren Stravinskij, Djagilev, P. Claudel, Milhaud und Ravel, der besonderes Interesse an den neuen Instrumenten bekundet.
In den späteren 1920er Jahren erbaute Russolo ein Instrument, das alle Geräuschfarben in sich vereinigte: das «Russolophon» konnte durch Registerzüge zwölf verschiedene timbri erzeugen, einzeln oder in bestimmten Farbkombinationen. Auch kleinere Intervalle als den Halbton waren darstellbar. Russolo empfahl das Instrument, das alle Geräusche der Natur und des Alltagslebens nachamen konnte, besonders für die Verwendung im Stummfilmkino.

 

Literatur

Filippo Tommaso Marinetti wollte eine »literarisch-weltanschauliche Erneuerungsbewegung« gründen und gab mit dem »Technischen Manifest der futuristischen Literatur« 1912 selbst den entscheidenden Impuls für den Futurismus in der Literatur. In »befreiten Worten« hat er versucht, eine eigene Sprache, Syntax und Grammatik zu schaffen und sich über alle herkömmlichen Regeln der Sprache hinwegzusetzen. Es entstanden Wort-Bilder in welchen die Form der Textdarstellung über den Inhalt dominierte.
Sein erstes Buch erschien unter dem Titel »Die Eroberung der Sterne« bereits 1902. In seinem 1909 erschienen afrikanischen Roman »Mafarka le futuriste. Roman africain« hat er seine eigenen Vorstellungen einer dynamischen Dichtersprache radikal umgesetzt. Auch der moderne Roman wurde vom Futurismus beeinflusst. Simultaneität und Montage die Gestaltungsprinzipien und Stilmittel des Futurismus finden sich in den Romanen Ulysses von James Joyce, Manhatten Transfer von John Dos Passos und Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Ausgestrahlt und eingewirkt haben Marinettis Ideen auch auf Guillaume Apollinaire, Gottfried Benn, Herwarth Walden und Hugo Ball. Bekannte russische Literaten des Futurismus waren Wassilij Kamenskij, Welemir Chlebnikow und Wladimir Majakowskij.

 

Architektur

Die Architektur des Futurismus wird lediglich von einem Mann vertreten, von Antonio Sant’Elia (1888-1916). Er war einer der großen Visionäre der Architektur des 20. Jh. Seine eindrucksvollen und kühnen Entwürfe für die Mailänder Ausstellung »Città Nuova« 1914 konnte er nicht mehr verwirklichen. Sant’Elia ist im 1. Weltkrieg am 10. Oktober 1916 gefallen.

 

Bildhauerei

Der italienische Maler, Bildhauer und Schriftsteller Umberto Boccioni (1882-1916) der zu den führenden Theoretikern des Futurismus gehörte, verfasste 1912 sein »Technisches Manifest der futuristischen Bildhauerei« in dem er die Forderungen der futuristischen Malerei von 1910 auf die Skulptur übertrug. Seine Urformen der Bewegung im Raum gelten heute als Ikonen des Futurismus. Die Bronzeplastiken wie etwa »Entwicklung einer Flasche im Raum« (1912) und »Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum« (1913), beide im Museum of Modern Art, New York, geben einen Eindruck seines Bemühens Bewegungsabläufe darzustellen.

 

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